Are you sirius? – Ein Interview des Spiegel mit Karlheinz Stockhausen (1983)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14024352.html

Mich beschäftigt Stockhausen schon lange. Meine Einstellung zu ihm hat sich immer wieder gewandelt. Stockhausen ist keineswegs der einzige Künstler, der von sich behauptet, es gäbe außerirdische Einflüsse in seiner Kunst. Sun Ra etwa kam nach eigener Aussage vom Planeten Saturn. Stockhausen gibt den Sirius als Ort seiner musikalischen Ausbildung an. Der „Hundsstern“ ist bekanntermaßen ein Mysterium, und die sogenannten Präastronauten im Gefolge Erich von Dänikens und Co. berufen sich ja etwa auf die rätselhaften Geschichten, die angeblich im Volk der Dogon in Afrika kursieren, wenn sie ihre Thesen von außerirdischen Besuchern untermauern möchten. Über außerirdische Musik existieren leider nach wie vor sehr wenige Untersuchungen, auch ist fraglich, ob die außerirdischen Besucher den Dogon so eine komplexe Musik vom Sirius mitbrachten, wie sie sie Karlheinz Stockhausen lehrten. Zumindest wäre mir neu, dass die Dogon ähnliche Werke wie das „Helikopterquartett“ oder „Stimmung“ komponieren. Vielleicht haben sie es auch einfach nicht so mit der Musik, ist auch egal.

Ich erinnere eine Geschichte mit Stockhausen, die ich leider nur aus zweiter Hand, dafür aber mehrfach von Augenzeugen gehört habe während meiner Studienzeit in Winterthur. Stockhausen hat dort eine Studienwoche abgehalten (leider vor meiner Zeit). Es wurde nun erzählt, dass es täglich eine Fragestunde mit dem Meister gab. Während einer solchen soll Hans Wüthrich, ein wundervoller Mensch und sehr interessanter Komponist, die Frge gestellt haben, woher Stockhausen denn seine Ideen nehme. Darauf erklärte Stockhausen eben, dass ihm alles direkt vom Sirius eingegeben werde. Wüthrich, ein sehr erdverbundener Mensch, konnte sich nicht beherschen und lachte los: “ Haha, vom Sirius…haha…ernsthaft?…Haha…“ Darauf soll Stockhausen krebsrot geworden sein im Gesicht, er sei aufgestanden und habe gebrüllt: „Also eines sage ich Ihnen, Herr Wüthrich, wenn Sie eines Tages am Sirius vorbei kommen und ich bin dort, dann sage ich RAUS, HERR WÜTHRICH, RAUS!!!“ Man möchte meinen, es sei schallendes Gelächter im Sal ausgebrochen, aber die Stimmung war wohl so todernst, dass keiner wagte, einen Laut von sich zu geben.

Nach solchen Geschichten brauchte ich lange Jahre, um Stockhausen wieder ernst nehmen zu können. Zunächst musste ich seine Musik klar von seiner Person trennen, sonst hätte ich nie mehr zu ihm gefunden. Später fragte ich mich, ob seine Gedanken denn wirklich so verrückt waren. Das oben verlinkte Interview mit dem Spiegel scheint mir eher zu zeigen, wie schlimm ihn gerade die Medien immer wieder dargestellt haben. Wenn man etwas wohlwollend ist, kann man Stockhausens Ansichten auch durchaus verstehen. Ich selber finde mich teilweise wieder:

STOCKHAUSEN: Sehr glücklich bin ich, wenn sich in meinen Werken Gesetzmäßigkeiten wiederfinden lassen, die mit den Gesetzmäßigkeiten in der Natur und im Kosmos übereinstimmen. Dann weiß ich, daß sich in meiner Musik etwas manifestiert, das mehr ist als meine Person und unsere Zeit.

oder:

STOCKHAUSEN: Das Bewußtsein, daß alles, was man auf diesem Planeten tut, einen Sinn hat, wenn es in Übereinstimmung ist mit dem, was man vor dem Menschsein war, und dem, was man nachher sein wird. Alles, was ich hier als Komponist schaffe, sollte eine Beziehung haben zur Ordnung der Sterne und zu den universalen Gesetzmäßigkeiten.

Das alles hätte auch ein chinesischer oder indischer Philosoph sagen können oder ein christlicher Mystiker, den der Spiegel, hätte die Gelegenheit bestanden, sicherlich auch hätte demontieren wollen.
Stockhausen ist hier relativ robust gewesen:

SPIEGEL: Dieses hauseigene Gottesgnadentum hat Sie in den Verruf eines Scharlatans gebracht, der die Kombination von elektronischen Schwingungen und frömmelnder Erbauung erfolgreich vermarktet.

STOCKHAUSEN: Dazu kann ich nichts sagen. Das ist die „kölsche Art“, einen fertigmachen zu wollen.

Schön finde ich auch solche Antworten:

SPIEGEL: Laut Ihrer Biographie sind Sie in dem bergischen Städtchen Burscheid aufs Gymnasium gegangen. Neuerdings behaupten Sie, auf dem Sirius die Schule besucht zu haben. Was stimmt denn nun?

STOCKHAUSEN: Ihre Frage verstehe ich nicht.

Interessant sind Stockhausens im Grunde ehr wohlwollende Äußerungen zu Pop- und Rockmusikern, als deren einziges Problem er die Kommerzialisierung sah. Seine eigene Musik stehe im Grunde nur aus Mangel einer geeigneteren Kategorie in den Klassik-Regalen. Heute wissen wir natürlich, wie stark Stockhausens Einfluss gerade auf die ganze elektronische Musik auch im U-Bereich war.

Als Musiker liebe ich Stockhausen-Perlen wie diese:

STOCKHAUSEN: […]Die Menschen, die heute die politischen Geschicke bestimmen, würden bei regelmäßigem und konzentriertem Hören guter Musik andere Menschen. Sie würden dann Entscheidungen treffen, die anderer Natur wären.

Das Interview schließt hiermit:

SPIEGEL: Halten Sie sich für unsterblich?

STOCKHAUSEN: Ja. Jeder Geist ist unsterblich, wenn er will.

Das Interview ist heute noch so lesenswert wie eh und je, und ich muss sagen, dass der einzig unseriöse Part hierbei der Redakteur Klaus Umbach war…

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