IM KONZERT: RAFAŁ BLECHACZ

Am 4.4.2014 spielte Rafał Blechacz im Kammersaal der Philharmonie Berlin, und ich durfte live dabei sein.

Das Programm:

W.A. Mozart: Klaviersonate Nr. 9 D-Dur
L.v. Beethoven: Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 (Pathétique)

(Pause)

F. Chopin:
Nocturne Aus-Dur op. 32 Nr. 2
Polonaisen op. 40 (1838/39)
Mazurkas op. 63 (Auszüge)
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39

Zugaben:
1) Chopin: Prelude E-Moll (Op. 28)
2) Chopin: Prelude C-Moll (Op. 28)
3) Beethoven: Scherzo aus der Klaviersonate Nr. 2 Op. 2

Leider war der Saal nur etwa halb gefüllt, was mir für den Pianisten doch etwas leid tat.
Mozarts Sonate Nr. 9 gehört nicht unbedingt zu meinen liebsten Mozart-Sonaten. Blechacz spielte sie in etwa so, wie ich es erwartet hatte: mit der tradierten Weichspülerei des am romatischen Repertoire geschulten Klavierspielers. Das heißt: die linke Hand war streckenweise so leise, dass sie kaum noch hörbar war und auch keine Gewicht im Sinne eines die Oberstimme ausbalancierenden „Basses“ hatte. Das, was viele als „delikaten Klang“ bezeichnen würden, bezeichne ich als Verzärteln. Man Kann Blechacz hier nicht viel vorwerfen, so wird das ja meistens gelehrt. Vorwerfen kann man ihm höchstens zu wenig eigenen Zugang. Vielleicht liegt es aber auch an mir. Ich kann Mozart auf dem modernen Flügel einfach nicht mehr wirklich hören.
Bei Beethoven liegt da meiner Meinung irgendwo die Grenze. So kann man die Pathétique, die als nächstes auf dem Programm stand, sicher auch auf einem modernen Flügel spielen. Blechacz war hier schon weit mehr zu Hause, wählte sehr gute Tempi. Wieder vermisste ich auch hier in der linken Hand das Gegengewicht zur rechten: oft genug war nur die Oberstimme wahrnehmbar,das passt vielleicht bei Salonmusik, aber sonst niemals. Generell hatte der erste Satz zu wenig grimmigen Biss, für mich muss Beethoven ruppig klingen, immerhin ist die Musik für damalige Verhältnisse schon fast experimentell gewesen. Den zweiten Satz hat Blechacz mit der rechten schön ausgesungen, wieder aber war die linke zu nebensächlich. Eigentlich überzeugte mich der dritte Satz am meisten mit seinem schönen Fluss, aber auch hier hätte manche Eruption ruhig heftiger sein dürfen.

Blechaczs eigentliches Repertoire bestimmte den zweiten Teil des Konzertes.
Die Nocturne gestaltete er wunderbar, immer war sein Anschlag rund und weich und klangvoll. Ebenso die beiden Polonaisen (die Militärpolonaise und die Polonaise C-Moll). Besonders die C-Moll-Polonaise scheint mir ein zu wenig gespieltes Stück mit ihrem Hauptthema im Bass in einem so halligen Raum nicht leicht zu spielen. Die Militärpolonaise ist mir persönlich wie eine auf den letzten Tropfen ausgepresste Zitrone, ein Stück, das man ebenso wenig noch spielen kann wie Schumanns Träumerei, zu oft gespielt, musikalisch nicht interessant genug. Gespielt hat Blechacz aber auch dieses Stück tadellos. Vielleicht erreicht er irgendwann noch dieses kleine Quäntchen mehr persönliches Spiel, vom Anschlag her und in seiner unprätentiösen Art ist er ein wunderbarer Pianist.
Etwas mehr Witz und Gestaltung im Kleinen hätten auch die Mazurken vertragen, die fast ein wenig nebensächlich daherkamen, wenn auch wieder sehr „schön“ gespielt. Auch hier: die persönliche Lesart fehlt noch.
Im Scherzo H-Moll bot Blechacz ein brillantes Finale, große Leichtigkeit, technische Souveränität zeichneten das Stück aus. Die verschrobeneren Passagen hätten mit mehr Humor gestaltet sein können, aber so ist Blechacz eben nicht. Mich erinnerte er in manchen Aspekten seines Spiels an Cyprien Katsaris, dem der schöne Ton das heiligste zu sein scheint. Zum Glück hat Blechacz nicht dessen übertriebenen Hang zur Suche nach irgendwelchen verborgenen Melodielinien in Füllstimmen.
Ich bin froh, dass es so bescheiden auftretende Künstler wie Blechacz gibt, die sich nicht selbst in den Vordergrund spielen. Ich wünsche ihm aber, dass er hie und da etwas mehr wagt, seine Phantasie etwas mehr einfließen lässt.
Die beiden Preludes als Zugabe erinnerten an sein grandioses Einspielungsdebut der kompletten Preludes, eine wundervolle CD! Als Zugaben waren sie vielleicht etwas knapp und so schrien sie geradezu nach einer längeren, dritten Zugabe.
Hier wählte Blechacz als Rausschmeißer Beethovens Scherzo aus der zweiten Sonate, er spielte es locker, schwungvoll, und es begleitete mich noch einige Zeit lang als innerer Ausklang des Konzerts.

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